Fabrikart Bielefeld
EDIT: “Uneingeschränkt Zu Empfehlen! Hingehen!”
Vor etwa zwei Monaten bemerkte ich ungewöhnliches Treiben in dem fast ständig stillgelegten Cafe bei mir gegenüber. Die Tagen der Teestube “Viktorias Welt” waren wohl nun endgültig gezählt. Ganz abgesehen davon, dass ich in einer Teestube nicht unbedingt das Prädikat “meine kleine Kneipe um die Ecke” geben wollte, besassen doch die Betreiber dieses ominösen Geschäftes die Arroganz Ihre Türen am Sonntag geschlossen zu halten und darüber hinaus sich zu jeder Gelegenheit eine monatelange Pause zu gönnen. Und wenn der Begriff “Sommerpause” mal nicht passte wurde der Laden eben wegen Renovierungsarbeiten vorübergehend geschlossen. Ich frage mich bis heute was da eigentlich renoviert wurde…
Nichts desto trotz schöpfte ich neue Hoffnung als die Fenster zugeklebt wurden und sich das Gerücht breit machte, da würden gar junge Leute einen neuen Laden aufmachen. Diese Vorfreude wurde umso grösser als ich mit verstohlenen Blicken einen Beck’s Kühlschrank ausmachen konnte. Gutes Vorzeichen. Sehr gutes Vorzeichen.
Also kurze Zusammenfassung: Neue Kneipe direkt bei mir um die Ecke (noch näher als das Milestones), “junge Leute” und ein Beck’s Kühlschrank.
Dieses Weblog würde nicht “Eike’s schreckliche Geschichten” heissen, wenn es da nicht doch den ein oder anderen Haken geben würde! Eine kleine Auflistung der Eindrücke in chronologischer Reihenfolge:
Eines Morgens gehe ich nichts ahnend aus dem Haus und finde an meinem Scheibenwischer einen Zettel mit der Aufschrift “Ausfahrt bitte STÄNDIG freihalten!” o.ä. OK, ich hab die Nacht über wirklich vor die Einfahrt geparkt und musste nun feststellen, dass die Toleranz dieser “jungen Leute” weniger weit ging als ich eigentlich angenommen hatte. Das ist aber vollkommen verständlich und ich bereue meine Schandtat!
Meinen Mitbewohner suchte etwas später ein ähnliches Schicksal heim, diesmal jedoch mit der vollen Härte der Exekutive unseres Rechtsstaats. Eines Morgens klingelten freundliche Polizeibeamte an unserer Tür und baten höflich um rasche Entfernung eines PKW. OK, schliesslich sollte eine Mulde angeliefert werden und der Muldenlieferant hatte eine andere zeitliche Definition von “Arbeitsbeginn” als Basti.
Lange Zeit passierte dann nichts, so dass ich mir ausreichend Gedanken über unsere allgemeine Parkplatzsituation in unserer Strasse machen konnte. “Viktorias Welt” war eh schlecht besucht und machte bekanntlich ständig Pausen, so dass wir nie wirklich grosse Parkplatzprobleme hatten. Ganz abgesehen von unserer allgemein miserablen Parkplatzsituation konnten wir zumindest keine merkliche Verschlechterung während der Öffnungszeiten feststellen. Wenn aber nun dieser neue Laden etwas besser läuft, was ich den Betreibern sicher und vollends wünsche, dann muss ich wohl nach Feierabend noch ein paar extra Runden um den Block drehen. Was tut man nicht alles für das kulturelle Angebot….
Wieder an einem Morgen traute ich meinen Augen nicht als ich ein neues Schild an der Fassade entdecken musste. Zuerst ist mir gar nicht aufgefallen was da genau stand, sondern vielmehr wie das was da stand gestaltet wurde. Ein kalter Schauer läuft mir auch heute noch den Rücken runter. Rote und schwarze Schrift auf einem gelben Hintergrund teilweise eingefasst in ein “halbrundes Rechteck” (wie nennt man sowas?). Die Schrift ähnelt etwas der Eurostile von der ich ohnehin nicht 100%ig überzeugt bin. Dieses Beispiel verleiht mir aber wieder Sicherheit, “Es geht noch eine Stufe schlimmer”. Über Typographie aber vor allem über Geschmack lässt sich streiten, so dass ich das Logo hier nicht weiter diskutieren möchte. Sehr viel eklatanter fällt da der Name selbst ins Gewicht. “Fabrikart” ein Neologismus, wahrscheinlich zusammengesetzt aus den Lexemen “Fabrik” und “Art” dessen oberflächliche “Genialität” sich in seiner Ambiguität ausdrückt. Man könnte “Fabrikart” auch als “Fabrikat” verstehen. Vor allem hier bei uns in Ostwestfalen wo sich die phonologische Repräsentation des Konsonaten “r” doch sehr eigentümlich verhält.
Der Laden hat allerdings durch seine Architektur herzlich wenig mit einer Fabrik am Hut. Ich bin gespannt was die Innenarchitektur da rausholen kann, zumal das Thema “Art” ja auch noch verbraten werden muss. Wie man dann noch den Charakter eines “Fabrikats” unterbringen will, scheint mir nach einer von Kompromissen stinkenden Lösung zu werden. Ich würde mich aber freuen eines Besseren belehrt zu werden. Namensgebunden sind ohnehin sehr schwierig und nicht jeder Gastronom kann seinen Laden “Schlachthof” nennen.
Den - bis dato - Gipfel meines verzweifelungsnahen Zustands habe ich aber erst heute erreicht. In meinem Kiosk um die Ecke, wo ich regelmässig meine Kippen kaufen und der Besitzer sich noch immer nicht merken kann, dass ich die blauen nicht roten Gauloises kaufen möchte, fand ich einen Flyer von “Fabrikart”. Über die Gestaltung des Flyers…. ihr ahnt es bereits. Jedenfalls erfüllte er seinen Zweck und ich wurde doch zumindest auf die URL aufmerksam, die ich dann auch prompt zu Hause aufgerufen habe. Oh man, da kann man aber nun wirklich getrost die Argumentationsbasis “Geschmack” verlassen und ganz andere Geschütze auffahren.
Aber lassen wir das ganze semi-intelektuelle, halb- und besserewisserische Geschwätz, was eh keinen interessiert. Wichtig ist, dass in dem Laden ordentliche Musik läuft und das das Beck’s schön kühl serviert wird. Den beiden Jungs gilt meine Anerkennung in diesen Zeiten einen neuen Laden zu eröffnen und der ehrliche Wunsch, dass sich hier ne neue vernünftige Kneipe entwickeln kann.
Vielleicht machen sich sich ja die Fabrikanten im nächsten Jahr über nen neues Logo gedanken…
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- Published:
- 11.23.04 / 7pm
- Category:
- Allgemein
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