In Zukunft ohne Arbeit? Sehr gut!

Deutschland hat Angst, Angst um seine Arbeitsplätze. Millionen von Arbeitslosen warten in Deutschland auf neue Perspektiven und dürfen am Sonntag entscheiden wem sie es zutrauen sie aus dieser Situation wieder heraus zu befördern. Diejenigen die Arbeit haben sprechen i.d.R. davon “noch Arbeit zu haben” und rechnen praktisch täglich mit ihrer Entlassung. Diese Unsicherheit sorgt natürlich für ein wunderbares Arbeitsklima und ein ebenso gutes Konsumverhalten. Wir haben zu viele Arbeitslose! Es gibt Familien die seit Generationen keine Beschäftigung mehr erfahren haben. Es gibt Kinder die es noch nicht einmal von Ihren Großeltern kennen einer geregelten Arbeit nachzugehen. Dabei kann es die arbeitende Bevölkerung kaum erwarten endlich in Rente zu gehen um nicht mehr arbeiten zu müssen. Gut, als Renter hat man sich größtenteils mit seinem Leben und seiner sozialen Stellung abgefunden.
Als ich noch Sozialwissenschaften studiert habe, habe ich gelernt dass sich unsere Zivilisation durch Ihre Arbeit definiert und jeder einzelne seine Position in der Gesellschaft ebenfalls durch die Arbeit die er ausübt defnieren kann. Als Arbeitsloser leistet man keinen Beitrag mehr zum gesellschaftlichen Wohlstand und ist deshalb überflüssig, geniesst damit keine sozialen Privilegien mehr und verliert Tag um Tag mehr Chancen wieder in diese Beschäftigungsgesellschaft einzutreten. Der Frust wächst und nachdem alle persönlichen Versuche neue Arbeit zu bekommen gescheitert sind, beginnt man von selbst einen anderen Schuldigen zu finden. Diese Suche beginnt je nach Intelekt bei den bösen Ausländern, den bösen Unternehmern, der Wiedervereinigung Deutschlands, der Euro Einführung, den Politkern und endet vielleicht bei der Globalisierung oder sogar der Kernenergie. Um keine falsche Stimmung zu erzeugen: Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch ein Recht auf ein glückliches, ausgefülltes und zufriedenes Leben hat, sofern er auch bereit ist dafür etwas zu leisten. Diejenigen die vielleicht diese Leistung wirklich nicht erbringen können, sollten von den anderen unterstützt werden. Das nennt man Solidarität. Und Solidarität ist so lange gut wie sich keiner ungerecht behandelt fühlt. Jeder der arbeiten kann sollte es im Sinne der Gerechtigkeit auch tun und sich nicht in der “sozialen Hängematte ausruhen”. Das stiftet nur böses Blut. Vater Staat legt sich mächtig ins Zeug uns sorgt für Arbeit auch wenn diese Arbeit manchmal gar keinen Sinn macht.
Es gibt in Deutschland Institutionen die ausschließlich eine Art Beschäftigungstherapie für Arbeitslose leisten. Da werden Wände gemauert, Fliese gelegt und Zimmer tapeziert mit dem einzigen Ziel das Tagewerk am Ende wieder abzureissen um es am nächsten Tag wieder aufzubauen. Diese Maßnahmen helfen vor allem bei einem, dem Verlust der Würde aber nicht dem Wiedereinstieg in die Erwerbsarbeit.

Zeit zum Umdenken

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Parteien scheinen in diesem Wahlkamp kein anderes Thema zu kennen. Dabei kann doch keiner ernsthaft am Glauben an die Vollbeschäftigung festhalten. So etwas gab es noch nie. Zumindest gab es sowas ähnliches nur zu den Zeiten des Wirtschaftswunders. Aber welcher Preis musste davor dafür bezahlt werden? Auf jeden Fall waren es ne Menge Tote.
Karl Marx hat schon vorausgesagt, dass eine wachsende Automatisierung schließlich alle Arbeiter überflüssig machen würde. Nach Marx’ Theorie würden sich aber alle Unternehmer ihr eigenes Grab schaufeln indem sie menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzen würden. Auf diese Weise würde ein Heer Arbeitloser entstehen, deren Löhne immer weiter gedrückt werden würden und die bald nicht mehr genügend Kaufkraft aufbringen könnten um sich noch die voll automatisiert hergestellten Produkte kaufen zu können. Etwas neuere Theorien stimmten Marx im Prinzip zu, sehen aber die Steigerung der Produktivität als notwendiges Übel an. Dadurch dass neue billige Arbeitskräfte frei würden, könnte sie in neuen Industrien eingesetzt werden. Diese würde die erreichten Provite wieder in Produktivitätssteigerungen investieren und wieder Arbeitskräfte frei werden lassen. Das ist ein logischer, guter und fast natürlicher Kreislauf.
Wir haben das nur noch nicht alle begriffen. Jede Gesellschaft hat sich vor großen Veränderungen immer dagegen ausgesprochen und wollte so lange wie möglich am alt hergebrachten festhalten. Ob das gut ist oder nicht kann jeder für sich selbst entscheiden. Sicher ist nur, dass wenn es z.B. die Industrialisierung nicht gegeben hätte, heute garantiert niemand ein Weblog schreiben würde.
Sollten wir also am Irrglauben der Vollbeschäftigung festhalten und alles daran setzen dieses System so lange wie möglich aufrecht zu erhalten oder unseren Blick vielleicht auf ganz andere Möglichkeiten richten? Ich frag mich was wohl die CDU meint, wenn Sie von einem “neuen Anfang” spricht. Die Öffnung hin zu einer Vorstellung von Arbeit und Gesellschaft wahrscheinlich nicht.

Wieviel Arbeit brauchen wir überhaupt noch?

Immer mehr Kopfarbeiter ersetzen noch viel mehr herkömmliche Arbeitskraft. Je mehr Ingenieure unsere Universitäten ausspucken desto weniger werden einfache Arbeitskräfte benötigt. Und das ist auch gut so, das ist Produktivitätssteigerung. Würde bei diesem Rennen nicht mitmachen, könnten wir bei weltweiter Konkurrenz einfach nicht mehr mithalten und würden mit wehenden Fahnen untergehen. Bereits 1993 wurde berechnet was passieren würde, wenn wir unser gesamtes Automationspotenzial ausschöpfen würden. 38 Prozent Arbeitslosigkeit wäre normal. Aber was ist so schlimm daran?

Arbeit und Freiheit

Jeder versucht doch einer Arbeit nachzugehen die ihm Spass bereitet, bei der er nette Kollegen hat und vielleicht sowas wie Erfüllung finden kann. Aber wenn wir ehrlich sind, geht es vielen dabei letztendlich doch nur um die Kohle und ein netter Job lässt einen seine tariflich ausgehandelten 40h halbwegs erträglich erscheinen um in seiner Freizeit dann das tun zu können was einen wirklich erfüllt. Mir geht’s hier anderes. Aber da bin ich wahrscheinlich neben einigen anderen der geneigten Leserschaft eine Ausnahme. Vollbeschäftigung bedeutet kollektiven Freiheitsraub. Freie Berufswahl hin oder her.
Da finde ich zunächst mal eine Gesellschaft in der keiner zur Arbeit gezwungen wird und das machen kann was er möchte doch erst einmal viel interessanter. Schade, dass diese Situation nicht funktionieren wird, aber dazu vielleicht später…


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